Bekannterweise strebt Santa Cruz seit längerer Zeit einen gewissen Autonomiestatus an, es geht da vor allem um Geld, da Santa Cruz als reichste Provinz des Landes gilt und die Departementsregierung mit ihren Einkünften nicht die Armut im Lande bekämpfen will, wie das gerne der Indio-Präsident möchte. Man muss anmerken, dass in Bolivien keinerlei Föderalismus existiert, weder auf Departements- noch auf Gemeindeebene. Eigentlich wäre mit der neuen Verfassung, die Evo Morales ausarbeiten liess, Autonomie garantiert, allerdings nicht nur departemental, sondern auch munizipal und auch indigenal. Was letzteres genau heissen soll, weiss niemand so recht. Die Regierung von Santa Cruz, allen voran der Gobernador Ruben Costas, sowie der Führer des Comite Civico Branko Marinkovic schlugen jedoch jeglichen Dialog aus und brätelten ihre eigene Wurst. Sie liessen autonome Statuten ausarbeiten, in einer illegalen Abstimmung vom Volk absegnen und handeln in gewissem Masse seither als wären diese legal und in Kraft.
Das Comite Civico ist übrigens eine ganz bizarre Geschichte. Das ist so ein privater Klub ohne jegliche politische Legitimität und auch ohne demokratische Wahlstrukturen. Marinkovic ist eben einer jener, der zufälligerweise riesige Ländereien besitzt, der Führer des CC ist und eine unheimliche Macht hat. Eine Tochterorganisation sozusagen ist die Unión Juvenil Cruceñista (siehe Wikipedia), die Jugendorganisation des CC. Diese werden häufig als mobile Einsatztruppen gebraucht, z.B. wenn der CC einen Paro Civico ausruft. Bizarrerweise wird so ein eintägiger Generalstreik, wie wir ihn nennen würden, von diesem geschlossenen Club ausgerufen und alle müssten sich daran halten (es gibt also Ausnahmen;-). Die Unionisten kontrollieren dann die Strassen und schauen, dass auch ja niemand arbeitet. Ironischerweise reden diese beiden Gruppen jeweils immer lautstark von Demokratie, die sie verteidigen wollen (mit ihrer undemokratischen Institution) und dass sie gegen die Diktatur von Evo seien (dem demokratisch und mit ca. 67% der Stimmen bestätigten Präsidenten). Hmmm.
Ups, jetzt bin ich ein wenig ausgeschweift. Man muss dies im Hinterkopf haben, damit man versteht, was jetzt passiert ist. Nun, die Mehrheit des Landes steht hinter dem Präsidenten, im Hochland vergöttern sie ihn und sie verteidigen ihre Anliegen, wenn nötig mit Nachdruck. Die sind nämlich gar nicht zimperlich und können eine Regierung massivstens unter Druck bringen, wie schon oft geschehen. So auch, nach den Krawallen in Santa Cruz.
Die Unionistas zerstörten und plünderten ja bekannterweise Steueramt, den nationalen Fernsehsender, das Forstamt, das Grundbuchamt, die Einwohnerkontrolle und auch gleich die nationale Telecom Entel (Swisscom sozusagen). Letzteres war besonders praktisch, da nun alle 'Freiheitskämpfer' gleich noch mit einem Handy der neuesten Generation ausgerüstet sind.
Um diese staatlichen Institutionen wieder zurück zu erobern, begannen die Campesinos ersten die Stadt einzuschnüren. Alle Zufahrtsstrassen nach Santa Cruz wurden blockiert, so dass niemand mehr rein noch raus kam. War ein bisschen ärgerlich, weil zeitweise Treibstoff und Gas fehlte, sowie unsere Ferienplanung sehr erschwert wurde. Ich wundere mich jedoch heute noch, wie es die Supermärkte schafften, trotzdem immer jeden Schnick-Schnack im Sortiment hatten. Na egal. Weiter begannen die Campesinos, die weitgehend die Masistas (MAS ist die Regierungspartei) unterstützen, einen Marsch Richtung Santa Cruz und jetzt kommts. Sie wollten genau am 24. September auf der Plaza einmarschieren und sie einnehmen. Das ist wie bei Unreal Capture the Flag, wenn du dem Gegner die Flagge klaust. Wer die Plaza hat, hat gewonnen und der andere ist gedemütigt. Dies passiert anscheinend in Cochabamba des öfteren, in Santa Cruz jedoch meines Wissens noch nie.
Alle hier hatten einen gehörigen Respekt vor den Ankündigungen und bereiteten sich vor, indem sie Schaufenster mit Brettern verbarikadierten (gut liegt unser Büro im ersten Stock). Ich persönlich nahm die Sache Ernst, glaubte jedoch nicht an einen Chlapf. Nach dem letzten Debakel mit der Kamera, war ich jeoch vorsichtig und nahm nur ein wenig Kleingeld mit ins Büro.
Hier hatte eine Gruppe Cruceños endlich den Mum um gegen die Gewalt zu protestierne und appellierten für einen Dialog. Die Cambas sind schon enorm gegen den Präsidenten, aber längst nicht alle unterstützen das Vorgehen der Unionistas.
Strassen leer. Alle sind zu Hause oder am Fluss.
Die Campesinos sind schliesslich nicht gekommen. Zum Glück. Es wäre wohl nicht sehr friedlich abgelaufen.
Das geschlossene Steueramt, beim Sturm desjenigen die eingeschlossen Polizisten über die Dächer fliehen mussten. Die Parolen sind eindeutig.
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